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Die große GFK-Falle: Warum Gefühle herunterschlucken nichts mit Gewaltfreier Kommunikation (GFK) zu tun hat

Ein Artikel in der Wochenzeitung DIE ZEIT („Wir brüllen heimlich“, 19. Februar 2026) zeichnet ein düsteres Bild moderner Erziehung. Moderne Eltern, so der Tenor, verwenden viel Kraft darauf, ihren Kindern gegenüber auf keinen Fall laut zu werden. Sie lesen Ratgeber zur „Gewaltfreien Kommunikation“ und kommunizieren angestrengt auf Augenhöhe. Doch in der Realität schlucken sie ihre eigenen Gefühle nur so lange herunter, bis der sprichwörtliche Kessel platzt und sie doch laut werden.

Der Artikel suggeriert, dass Konzepte wie die GFK uns die unmenschliche Bürde auferlegen, immer sanft und verständnisvoll sein zu müssen. Es wird bemängelt, dass Erwachsene sich durch solche Ansätze verbieten würden, ihre natürlichen Emotionen, einschließlich der Aggressivität, auszudrücken.

Aus Sicht der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg ist diese Darstellung jedoch ein fatales Missverständnis. Und das betrifft nicht nur Eltern, sondern in hohem Maße auch pädagogische Fachkräfte im Kita-Alltag.

Gefühle unterdrücken ist keine Gewaltfreie Kommunikation

Die GFK verlangt von uns keineswegs, dass wir zu emotionslosen Robotern werden oder unsere berechtigte Wut wegatmen. Wer wütend ist und stattdessen künstlich freundlich säuselt, betreibt emotionale Selbstverleugnung. Genau das führt zu dem im Artikel beschriebenen Phänomen: Die unterdrückte Wut sucht sich im Verborgenen ihren Weg und entlädt sich irgendwann unkontrolliert. Forscher warnen im Artikel völlig zu Recht, dass emotionaler Stress und verbale Gewalt schwerwiegende und messbare Folgen für die kindliche Gehirnentwicklung haben.

Aber die Lösung ist eben nicht das stoische, stille Aushalten. In der GFK betrachten wir Wut als eine lebenswichtige Alarmlampe auf dem Armaturenbrett unserer Psyche. Sie zeigt uns laut und deutlich: Hier ist gerade ein wichtiges Bedürfnis von mir massiv unerfüllt!

Authentisch sein, statt in die Knie zu gehen

Der Fehler, den viele machen: Sie verwechseln GFK mit „nett sein um jeden Preis“. In unserem Grundlagenseminar BEziehung vor ERziehung vermitteln wir u.a., dass es eben nicht darum geht, die eigenen Grenzen aufzugeben. Es geht vielmehr um echte Verbindung. Und echte Verbindung erfordert Authentizität. Kinder merken sofort, wenn wir innerlich brodeln, aber äußerlich auf „pädagogisch wertvoll“ schalten.

Wir dürfen und sollen unsere Gefühle ausdrücken, aber eben ohne das Kind dabei abzuwerten oder anzugreifen. Wenn z.B. ein Kind am Morgen „trödelt“, dann ist ein klares, lautes und authentisches „Ich bin gerade richtig wütend, weil es mir wichtig ist, dass sich mein Chef auf mich verlassen kann!“ GFK in Reinform. Es drückt das eigene Gefühl und Bedürfnis aus, ohne das Kind als „schlimm“ zu verurteilen.

Gut für sich selbst sorgen

Der ZEIT-Artikel beschreibt treffend das Leben von Eltern, das aufgrund von hohem Druck völlig auf Kante genäht ist. Wer dauerhaft erschöpft ist, hat keine Kapazitäten mehr für Empathie. Die GFK lehrt uns deshalb als allerersten Schritt die Selbstempathie. Wir müssen gut für uns selbst sorgen, um für die Kinder da sein zu können – ein Grundsatz, den wir neben unseren Kita-Fortbildungen gezielt auch mit Eltern in unseren Seminaren GFK für Eltern trainieren.

Genau deshalb ist die intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung unerlässlich. Unsere Weiterbildung zur Fachkraft GFK für Kitas beschränkt sich keineswegs auf das bloße Einstudieren rhetorischer Phrasen. Die Gewaltfreie Kommunikation ist weit mehr als eine reine Methode – sie ist eine fundamentale innere Haltung. Sie ist der Anker, der uns befähigt, selbst in extrem herausfordernden Situationen die echte Verbindung zu uns selbst und den Kindern aufrechtzuerhalten. Im Kern geht es darum, die eigenen Bedürfnisse rechtzeitig und ehrlich wahrzunehmen, kompromisslos gut für sich selbst zu sorgen und genau dadurch das Fundament für eine wertschätzende Atmosphäre zu schaffen.

Wenn wir aufhören, ein künstliches Ideal der immer-lächelnden pädagogischen Fachkraft anzustreben, fällt ein enormer Druck ab. Wir dürfen Menschen sein. Mit all unseren Gefühlen. Wenn wir lernen, diese Gefühle konstruktiv zu übersetzen, statt sie zu schlucken, müssen wir auch nicht mehr heimlich brüllen.

Inspiration & Inhaltliche Bezugnahme: DIE ZEIT Artikel „Wir brüllen heimlich“. Ein Text von Johannes Gernert, erschienen in der Ausgabe 8 vom 19. Februar 2026, S. 29-30

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